„ ; Freiheit unverhandelbar“ — CaRo Caparazzi und Emma Goldman

„ ; Freiheit unverhandelbar“ — CaRo Caparazzi und Emma Goldman

Das Semikolon steht vor dem Wort. Nicht dahinter, wo man es erwarten würde. Davor.

„ ; Freiheit unverhandelbar“ — CaRo Caparazzi und Emma Goldman

„; Freiheit unverhandelbar“ hat CaRo auf ein Blatt Papier geschrieben, die Ränder eingerissen und angesengt. Als sie das Blatt vor der Kamera hob, war das Bild entschieden.

Das Zeichen ist kein Zufall. „Vor dem Semikolon gab es eine Zeit, in der meine Freiheit noch verhandelbar war“, sagt sie. Die Zeit vor ihrer inneren Wandlung, bevor sie zu sich selbst gefunden hat. Nach dem Semikolon kommt das Hier und Jetzt — und die Richtung, in die sie weitergeht. Das Zeichen dazwischen trennt beide Abschnitte. „Würde es mit einem Punkt enden und nicht weitergehen, hätte ich meine Freiheit aufgegeben und nie wirklich gelebt.“

Etwas endet. Das Leben geht weiter, neu und anders.

Was niederbrennen muss

CaRo Caparazzi ist Malerin. Das Wandbild hinter ihr hat sie selbst gemalt, 2023: Mond, Schildkröte, Sterne, Herzen, ein Gesicht mit fließendem Haar. Kein leises Bild. Sie sitzt davor in schwarzem Leder, vor ihrem eigenen Werk. Malerin und Modell in einem Foto.

Dann kam der Bruch. In kurzer Zeit hat sie verlassen, was sie eingeengt hat: eine Ehe, die ihr nicht gutgetan hat, eine Religion, die sie von Kindheit an geprägt hatte, eine Arbeit, die sie krank gemacht hat. „Ich habe alles in meinem Leben niederbrennen lassen, was mich zerstört oder schmerzvoll eingeengt hat“, sagt sie. Sie nennt es ihren Reset.

Was danach kam, war nicht sofort Freiheit. Es war Einsamkeit. „In diesem Prozess bin ich der Einsamkeit begegnet — und mir selbst.“ Aus dem Opfer wurde jemand, der Verantwortung übernimmt. Und aus der Malerin eine Künstlerin, die auch ihren eigenen Körper zum Material macht.

Anarchie heißt für sie genau das: maximale Selbstverantwortung des Einzelnen. Und die Weigerung, sich von Systemen — öffentlichen wie privaten — die eigene Identität zerstören zu lassen.

Warum Emma Goldman

CaRo hat sich ihre Begleiterin selbst ausgesucht. Die Wahl liegt nahe.

Emma Goldman wurde 1869 in Kowno geboren, im damaligen Russischen Reich. Mit sechzehn kam sie nach Amerika, arbeitete in einer Textilfabrik in Rochester und verließ eine frühe Ehe. Die Hinrichtung der Haymarket-Anarchisten 1887 machte sie zur Aktivistin. Danach war sie Rednerin, Verlegerin ihrer Zeitschrift Mother Earth, Dauergast in Polizeiberichten. Man nannte sie „Red Emma“.

1910 schrieb sie, wofür Anarchismus steht: für die Befreiung des Geistes von der Herrschaft der Religion, des Körpers von der Herrschaft des Eigentums, und für die Befreiung von den Fesseln der Regierung. (eigene Übersetzung, aus „Anarchism: What It Really Stands For“)

Man kann diesen Satz neben CaRos Leben legen, Punkt für Punkt.

Der Körper. Goldman sprach öffentlich über Sexualität, Liebe ohne Trauschein und Verhütung — und wurde 1916 verhaftet, weil sie über Verhütung informierte. CaRo sagt heute: „Ich bin emotional völlig befreit von Angst, Scham und Schuld.“ Sie gestaltete das Kunstprojekt Eros, bei dem es nicht nur um sexuelle Selbstermächtigung geht, obwohl eine entsprechende Symbolik hier eine entscheidende Rolle spielt, ohne dabei übliche Erwartungen zu erfüllen. Außerdem ließ sie sich als Sinnbild für die Freiheit von Geschlechterrollen in einer Bilderserie shooten, bei der sie symbolisch Zensur und persönliche Limitierungen auflöste. Sie glaubt, dass Kunst Menschen dort erreicht, wo Politik nicht hinkommt.

Der Krieg. 1917 gründete Goldman mit Alexander Berkman die No-Conscription League gegen die Wehrpflicht. Dafür kam sie zwei Jahre ins Gefängnis, 1919 wurde sie aus den USA ausgewiesen. CaRo: „Keine Mutter dieser Welt würde freiwillig ihre Söhne im Krieg opfern. Auf Befehl zu morden, weil es andere entscheiden, ist ein traumatisierender Eingriff in eine friedvolle Selbstbestimmung.“

Die Stimme. Goldmans Vorträge wurden immer wieder von der Polizei aufgelöst, oft wurde sie direkt vom Podium weg verhaftet. Sie sprach trotzdem weiter. CaRo hat ihre Stimme spät wiedergefunden: „Ich habe viel zu lange geschwiegen, um auf andere Rücksicht zu nehmen, während ich meine innere Stimme ignoriert habe.“ Erst als es unerträglich wurde, sie zu unterdrücken, wurde sie laut.

Das Bild

Goldman hängt im Goldrahmen. Ein schwerer, verzierter Rahmen — für eine Frau, die sich in keinen Rahmen hat stecken lassen. Ihre Hand am Kinn, der Blick abwägend.

Darunter CaRo. Barfuß auf einem Barhocker, die Beine übereinandergeschlagen, nur eine Zehenspitze berührt den Boden. Sie sitzt nicht ruhig. Sie ist bereit. Ihr Blick geht direkt in die Kamera, ohne Lächeln, ohne Bitte um Zustimmung.

Zwei Frauen, gut hundert Jahre auseinander. Dieselbe Weigerung.

Keine Unordnung

Wer „Anarchie“ hört, denkt an Chaos. CaRo widerspricht: „Ich verstehe darunter keinesfalls Chaos, sondern den Drang nach maximaler Freiheit bei gegenseitiger Rücksichtnahme.“ Jeder soll sein Leben frei bestimmen — solange er dem Gegenüber dieselbe Freiheit lässt.

Goldman hätte das unterschrieben. Für sie war Anarchismus die Philosophie einer neuen Ordnung, die auf Freiheit beruht, nicht auf Zwang. Sie hat sich auch für freie Schulen eingesetzt, in denen Kinder selbst denken lernen statt zu gehorchen. CaRo wünscht sich heute dasselbe in anderen Worten: dass Empathie, Menschlichkeit und Selbstbestimmung mehr gelehrt werden als Wissen, das mehr dem System dient als dem Menschen.

Emma Goldman starb 1940 in Toronto. Begraben ist sie in Chicago, in der Nähe der Haymarket-Gräber, mit denen alles angefangen hatte.

Ihr Satz ist noch nicht zu Ende. CaRos auch nicht.


Portraits of Freedom bringt Menschen von heute mit historischen Figuren zusammen, die für Freiheit einen Preis bezahlt haben. Wer eine eigene Figur mitbringen möchte: schreib mir.

Das Porträt ist als Print und als limitierte Edition erhältlich — auf stefanoviani.art.

stefano

Fotograf, Reisender, Motorradfahrer, Unternehmer Ich brach auf in eine bessere Welt. Am Ziel angekommen stellte ich fest, dass ich mich wieder am Ausgangspunkt meiner Reise befand. Alles war gleich geblieben, nur ich hatte mich verändert. Vielen Dank an @karl_knerr_fotografie für das wunderschöne Porträt.

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