Warum ein russischer Fürst vor 120 Jahren die Antwort auf die Landtagswahl Sachsen-Anhalts geschrieben hat
Ein Mann sitzt an einem alten Küchentisch und liest. Über ihm hängt, gerahmt und aufgehängt wie ein Ahnenporträt, ein Herr mit gewaltigem weißem Bart und runder Brille. Auf dem Tisch liegt eine schwarze Fahne. Das A im Kreis. Daneben der Stock, an dem man sie durch die Straßen tragen würde.
Und der Mann lächelt.

Das ist bemerkenswert und dieses Lächeln folgt umfassenderen Gedanken. Wer die schwarze Fahne sieht, denkt an brennende Barrikaden. Was der Mann tatsächlich in den Händen hält, ist ein Buch über Freundlichkeit.
Der Mann heißt Michael. Das Buch heißt Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. Der alte Herr an der Wand hat es geschrieben, und dass er dort hängt, war Michaels Idee. Er wollte mit ihm zusammen fotografiert werden.
Ein Bild aus der Schublade
Das Foto ist im Herbst 2025 entstanden. Es lag danach lange herum. Manche Bilder brauchen ihren Moment, und ich hatte nicht das Gefühl, dass dieses seinen schon gefunden hätte.
Jetzt hat es ihn.
Der Montag danach
Am 6. September 2026 wurde in Sachsen-Anhalt gewählt. Die AfD kam auf 43,8 Prozent und gewann 38 der 41 Direktmandate. 2021 waren es 20,8 Prozent gewesen — mehr als eine Verdopplung. Die CDU stürzte im selben Zeitraum von 37,1 auf 17,2 Prozent. Der Landesverband, um den es hier geht, wird vom Verfassungsschutz des Landes als gesichert rechtsextremistisch geführt.
Die Zahl, die mich am meisten beschäftigt, ist eine andere: Die Wahlbeteiligung sprang von 60 auf über 76 Prozent. Es sind nicht weniger Menschen zur Wahl gegangen. Es sind deutlich mehr geworden.
Man kann das mit Entsetzen kommentieren. Das haben am Sonntagabend genug Leute getan. Ich finde die interessantere Frage: Was ist da eigentlich gewählt worden?
Ich glaube, es war ein Versprechen von Zusammenhalt.
Bei Wählern, die von finanziellen Schwierigkeiten berichten, lag die AfD bei 65 Prozent. Bei Arbeitern bei 59. Das sind Menschen, denen jahrzehntelang gesagt wurde, es gehe schon irgendwie aufwärts, und bei denen es nicht aufwärts ging. Und dann kommt jemand und sagt: Wir kümmern uns um euch. Endlich mal.
Das ist ein Gemeinschaftsangebot. Wer das nicht sieht, wird nie verstehen, warum es zieht.
Nur: Es ist ein Zusammenhalt mit Türsteher.
Der Fürst, der seinen Titel wegwarf
Peter Kropotkin wird 1842 in Moskau geboren, in eine Fürstenfamilie mit Stammbaum bis zu den Rurikiden. Er kommt ins Pagenkorps, die Kaderschmiede des russischen Adels, und wird persönlicher Kammerpage von Zar Alexander II. Von dort führt jeder Weg nach oben.
Er nimmt keinen davon. 1862 lässt er sich nach Sibirien versetzen.
Fünf Jahre lang zieht er durch die Tundra und die Gebirge Ostasiens, legt zehntausende Kilometer zurück, korrigiert die Karten seiner Zeit und entwickelt eine Theorie zur Vergletscherung, die ihn zu einem der ernstzunehmenden Geografen Europas macht. 1871 bietet ihm die Russische Geografische Gesellschaft das Amt des Sekretärs an — die Krönung einer Wissenschaftlerlaufbahn.
Er lehnt ab.

Denn er hatte in Sibirien nicht nur Berge vermessen. Er hatte gesehen, wie Dorfgemeinschaften sich ohne jede Obrigkeit selbst organisierten, jahrhundertealt und funktionierend — und wie die Verwaltung des Zaren alles zerstörte, was sie anfasste. Ein Jahr später, bei den Uhrmachern des Schweizer Juratals, findet er die politische Sprache dafür. Von da an ist er Anarchist.
Der Rest ist Verfolgung. 1874 Verhaftung, Peter-und-Paul-Festung, 1876 eine spektakuläre Flucht bei helllichtem Tag. Danach vierzig Jahre Exil: Schweiz, Frankreich — drei Jahre Gefängnis in Clairvaux —, schließlich England. Und dort, im Lesesaal, wird aus dem Revolutionär noch einmal ein Wissenschaftler.
Das Buch auf dem Tisch
1888 veröffentlicht Thomas Henry Huxley, Darwins schärfster Verteidiger, einen Aufsatz, der die Natur als Gladiatorenkampf beschreibt. Jeder gegen jeden, ohne Pause, ohne Gnade. Wer stärker ist, frisst. Wer schwächer ist, wird gefressen. Und weil die Natur so sei, sei die Gesellschaft eben auch so.
Kropotkin liest das und denkt an Sibirien.
Was er dort gesehen hatte, war kein Gladiatorenkampf. Es war Kälte. Und gegen Kälte hilft kein Konkurrent, den man besiegt, sondern eine Herde, in der man steht. Die Tiere, die er beobachtet hatte, kämpften nicht gegeneinander um die letzten Ressourcen — sie taten sich zusammen gegen eine Umwelt, die keinen von ihnen allein durchkommen ließ.
Aus diesem Widerspruch entstehen ab 1890 eine Reihe von Aufsätzen, 1902 werden sie ein Buch: Mutual Aid: A Factor of Evolution. Gustav Landauer übersetzt es 1904 ins Deutsche.

Kropotkin baut darin eine Beweiskette, die bei Ameisen und Termiten beginnt und bei Vogelschwärmen, Wolfsrudeln und Weidetieren weitergeht. Dann springt er zum Menschen: zu Dorfgemeinden, mittelalterlichen Städten, Zünften, Gilden, Gewerkschaften, Genossenschaften, freiwilligen Seenotrettern. Überall dasselbe Muster — Gruppen, die zusammenhalten, überleben besser als Individuen, die es allein versuchen.
Sein Punkt ist kein moralischer. Er sagt nicht, die Menschen sollten netter sein. Er sagt: Die gegenseitige Hilfe ist ein Faktor der Evolution, so messbar wie der Wettbewerb, und in der Summe der wirksamere.
„Survival of the fittest“ heißt nicht „der Brutalste gewinnt“. Fit heißt passend, tauglich, angepasst — und am besten angepasst ist meistens der, der nicht allein steht.
Die Biologie hat Kropotkin nachträglich weitgehend recht gegeben. Symbiose, Multi-Level-Selektion, die gesamte moderne Kooperationsforschung. Und 2009 bekam Elinor Ostrom den Wirtschaftsnobelpreis für den empirischen Nachweis, dass Gemeinschaften Gemeingüter über Generationen selbst verwalten können — ohne Staat, ohne Markt. Das ist Kropotkins These, hundert Jahre später, in Daten.
Und dann das Brot
Michael hat mir beim Shooting erzählt, was ihn an Kropotkin gepackt hat, und es war nicht die Fahne. Es war ein Gedanke: die bedingungslose Grundversorgung. Dass geteilt wird, bevor gefragt wird, wer da sitzt.
Der Gedanke stammt aus einem anderen Buch, Die Eroberung des Brotes von 1892. Kropotkins These dort ist so schlicht wie unbequem: Jede Revolution der Geschichte hat den Menschen Rechte gegeben und sie hungern lassen. Papier statt Brot. Deshalb, schreibt er, muss der erste Akt einer freien Gesellschaft ein völlig unromantischer sein — sicherstellen, dass alle zu essen haben. Nicht als Almosen. Nicht nach Prüfung. Sondern als Ausgangspunkt, vor dem alles andere kommt.
Er hatte dafür sogar ein historisches Vorbild, und es steht in dem Buch, das Michael auf dem Foto in den Händen hält: Die mittelalterlichen Städte kauften ihr Getreide gemeinschaftlich ein, lagerten es und gaben es zum Selbstkostenpreis an alle Bürger ab. Die Stadt garantierte das Brot. Das war keine Utopie. Das war Verwaltungspraxis, jahrhundertelang, und sie funktionierte.

Und hier liegt der Unterschied, um den es mir geht.
Es gibt zwei Sätze, die fast gleich klingen. Wir teilen. Und: Wir teilen unter uns.
Der zweite Satz ist das Angebot, das in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent bekommen hat. Er klingt nach Solidarität und ist ihre Umkehrung, denn er funktioniert nur, solange jemand draußen bleibt. Der Kreis wird zuerst gezogen, dann wird geteilt. Wer dazugehört, wird vorher entschieden — und wer entscheiden kann, wer dazugehört, kann es jederzeit neu entscheiden. Deshalb ist niemand in diesem Kreis wirklich sicher.
Kropotkins Kreis hat keinen Rand. Das ist kein Gutmenschentum, sondern die logische Konsequenz aus seiner Beobachtung: Die gegenseitige Hilfe ist älter als jede Nation, jede Grenze und jeder Pass. Sie steckt in Ameisenstaaten. Sie war da, bevor es Deutschland gab. Wer sie an Herkunft knüpft, hat nicht zu wenig geteilt — er hat das Prinzip selbst kaputtgemacht.
Zwei, die es versuchen
Michael war Pilot. Heute begleitet er seine Frau Martina zu ihren Terminen als Model und Person des öffentlichen Interesses. Die beiden führen ein Leben, das sich kaum jemand ausgesucht hätte, und sie werden dafür angestarrt, kommentiert und belächelt — jeden Tag, in jedem Supermarkt.
Sie machen trotzdem weiter. Nicht laut, nicht trotzig. Sie bitten sich fremde Meinungen über ihr Leben einfach nicht aus.
Genau deshalb sitzt ausgerechnet dieses Paar richtig unter diesem Porträt. Freiheit ist nicht das Recht, so zu leben, wie alle es für richtig halten. Sie wird erst dann zu Freiheit, wenn sie auch für die gilt, die man selbst seltsam findet. Alles davor ist nur Geschmack, der sich für ein Prinzip hält.
Nachtrag
Kropotkin kehrte 1917 nach Russland zurück, nach vierzig Jahren Exil. Er wurde am Bahnhof von zehntausenden Menschen empfangen. Dann sah er zu, wie die Bolschewiki eine Diktatur errichteten, schrieb Lenin persönlich empörte Briefe und starb 1921 verarmt in Dmitrow bei Moskau.

Seine Beerdigung wurde die letzte große anarchistische Demonstration Russlands. Zehntausende zogen durch Moskau, die inhaftierten Anarchisten wurden für diesen einen Tag freigelassen, und die schwarzen Fahnen durften ein einziges Mal offen getragen werden. Danach nie wieder.
Eine dieser Fahnen liegt auf Michaels Tisch. Sie ist kein Drohsymbol. Sie ist ein Versprechen: dass Menschen sich auch ohne Zwang zusammentun.
Und deshalb lächelt er.
Aus der Serie Portraits of Freedom — Menschen, die ihre eigene Version von Freiheit leben.

