Durch die Ausschreibung des Projekts durfte ich viele neue und interessante Menschen kennenlernen. Dazu gehören auch Martina und Michael BIG. Das Shooting mit den beiden war das erste im Rahmen dieses Projekts. Natürlich erzählte ich meinen Freunden von dem Shooting und meinen beiden Gästen. Über die Reaktionen meiner Freunde – weiblich und männlich sowie politisch unterschiedlich verortet – war ich völlig überrascht. Ich hätte nicht erwartet, dass Martinas Äußeres eine derart starke polarisierende Wirkung hat. Jeder hatte eine Meinung, die in der schnell entstandenen Diskussion vehement und emotional verteidigt wurde. Erstaunlich fand ich, welche Rückschlüsse über das Innere einer Person aus ihrer äußeren Erscheinung gezogen wurden, obwohl niemand Martina persönlich begegnet war.
Mir wurde bewusst, wie unfrei wir in unseren Gedanken und Emotionen sind, wenn wir einem Menschen – unabhängig von seinem Geschlecht, seiner Rasse und seiner Hautfarbe bzw. im Falle von Martina von seiner selbst gewählten äußeren Erscheinung – nicht vorbehaltlos begegnen können. Dabei sind Schönheitsoperationen und Bodymodifikationen längst keine Seltenheit mehr (Pamela Anderson, Jane Fonda, Michael Jackson, Cher, Tina Turner, Grace Neutral und Anthony Loffredo).
Ich denke, an dieser Stelle ist es angebracht, Martina selbst zu Wort kommen zu lassen, statt über sie zu schreiben. Gerne könnt ihr eure persönliche Meinung als Kommentar zu diesem Beitrag teilen. Wie aus der Überschrift ersichtlich wird, wird es zu diesem Beitrag einen zweiten Teil geben.
Was ist deine persönliche Motivation, an diesem Projekt mitzuwirken, und welchen Bezug hast du zum Anarchismus?
Wir haben uns für die Teilnahme an diesem Projekt entschieden, weil die Freiheit und die Gleichheit der Menschen für uns an oberster Stelle stehen. Jeder Mensch soll über sein Leben frei entscheiden dürfen.
Wir finden es sehr traurig, dass die Gier nach Geld und Macht mehr und mehr an Bedeutung gewinnt und die Hierarchie dadurch immer ausgeprägter wird. Ein kleiner Kreis an privilegierten Menschen wird immer mächtiger und reicher. Dafür wird die breite Masse der Bevölkerung immer ärmer. Die Selbstbestimmung und die öffentliche Meinungsfreiheit bei diesen Menschen geht mehr und mehr verloren. Über die Mainstream Medien werden den Menschen eine fertige Meinung bzw. Weltanschauung vorserviert. Und gerade in letzter Zeit wird immer weniger akzeptiert, wenn manche Menschen eine andere Meinung haben.
Ich selbst stehe für Selbstbestimmung. In den letzten Jahren habe ich mir meinen Lebenstraum erfüllt und mein Aussehen von Kopf bis Fuß verändert. Viele Mainstream Medien versuchen, mein Handeln als verrückt und gefährlich darzustellen. Ich vertrete jedoch die Meinung, dass jeder Mensch das Recht hat, über seinen Körper selbst zu bestimmen. Und tun darf, was ihn glücklich macht, solange er dadurch nicht andere Menschen schädigt. Und dieser Meinung sind sehr viele Menschen. Ich habe eine große Fangemeinde, die stetig wächst.

Warum hast Du Dich für genau diesen Anarchisten entschieden?
Michael hat sich Peter Kropotkin entschieden, weil sein Lebenslauf sehr beeindruckend ist. Er wurde als Sohn eines reichen Fürst geboren. Er hätte die großen Ländereien der Familie übernehmen können und ein Leben in Reichtum führen können. Doch er ging seinen eigenen Weg und wurde einer der bedeutendsten Vordenker des Anarchismus. Besonderes sein Werk „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ finden wir sehr beindruckend, es zeigt wie wichtig gegenseitige Hilfe und Zusammenhalt sind.

Ich habe mich für Lucy Parsons entschieden weil sie eine starke Persönlichkeit ist. Neben Ihren vielen anderen Engagements, wie z. B. Rede und Versammlungsfreiheit setzte sich Lucy Parsons auch gegen Armut und Rassismus ein, was ich besonderes ehrenwert finde. Leider werden bis heute, besonders in den USA, immer noch schwarze Menschen benachteiligt. Beispielsweise bekommen sie viel schwieriger einen Job und wenn sie einen Job gefunden haben, bekommen sie oft ein niedrigeres Gehalt als ihre meisten weißen Kollegen, die die gleiche Arbeit verrichten.

Wir wollen mit der Teilnahme an dem Kunstprojekt versuchen die Leute auf Missstände aufmerksam zu machen und zum Gedenken anzuregen. Denn das ist der erste Schritt für eine bessere Zukunft.
Was ist dein persönlicher Wunsch für eine bessere Zukunft?
Auch wenn die Bürger in der heutigen Zeit die Regierenden demokratisch wählen dürfen, so haben die Versprechen vor den Wahlen in den meisten Fällen sehr wenig damit zu tun, was die Regierenden tatsächlich nach den Wahlen umsetzen. Und wenn die Bürger dann nach den Wahlen bemerken, dass die Regierenden ihre Versprechen nicht umsetzen, dann haben die Bürger 4 Jahre lang keine Möglichkeit mehr, auf das Geschehen Einfluss zu nehmen, und sind deren Beschlüssen hilflos ausgeliefert. Ich denke, so etwas darf in einer fortschrittlichen Gesellschaft nicht sein.
Grundsätzlich habe ich nichts gegen Personen, die das Volk vertreten, aber dies sollen normale Leute aus dem Volk sein (keine Lobbyisten und Multimillionäre), bei denen wirklich das Wohle des Volkes im Vordergrund steht und nicht das Streben nach noch mehr Geld und Macht. Sobald mehr als 50 % der Bevölkerung unzufrieden mit der Arbeit der Volksvertreter wären, müssten Neuwahlen stattfinden. Des Weiteren sollten alle wichtigen Entscheidungen per Volksentscheid entschieden werden. Heute hat fast jeder einen Onlineanschluss. Man könnte sich mit dem Personalausweis identifizieren und seine Stimme online abgeben. Für die Menschen, die keinen Onlineanschluss haben, könnten Wahlterminals in öffentlichen Gebäuden zur Verfügung gestellt werden.
Des Weiteren sollte jeder die Möglichkeit haben, Lösungs- und Verbesserungsvorschläge einzureichen, über die dann öffentlich diskutiert und gegebenenfalls per Volksentscheid abgestimmt wird.
Die Mainstream-Medien dürften nicht mehr dafür verwendet werden, die Bevölkerung einseitig über die Meinung der Regierenden zu informieren, sondern um den Menschen eine objektive Weltanschauung zu vermitteln. Des Weiteren müsste den Menschen vermittelt werden, dass nicht das Streben nach Geld und Macht und der daraus resultierende Konkurrenzkampf der Sinn des Lebens ist, sondern miteinander zu kooperieren, voneinander zu lernen, Freude zu haben und sich weiter zu entwickeln. Ein sehr schönes Beispiel dafür ist die Raumstation ISS, in der sich Forscher aus den unterschiedlichsten Nationen zusammengetan haben, um zu forschen und ihren Horizont zu erweitern. Könnte man dies auf die ganze Bevölkerung übertragen, würden Geld und Macht an Bedeutung verlieren, und es würde sich eine Gesellschaft entwickeln, in der die Menschen frei und gleich sind. Im Idealfall würde das Geld ganz verschwinden. Würde man nicht so viele Ressourcen für Kriege und andere unnütze Dinge verschwenden bzw. selbst zerstören, wären auf der Welt genug Ressourcen vorhanden, so dass jeder Mensch ein schönes Leben führen könnte. Und wenn man den Menschen vermitteln würde, dass für eine Gesellschaft jeder einen Beitrag leisten muss, wären die Leute auch bereit, dafür eine Arbeit zu verrichten. Ohne den finanziellen Druck würden die Menschen zusammenarbeiten, statt miteinander zu konkurrieren.
Mir ist klar, dass eine solch perfekte Gesellschaft, in der alle Menschen frei und gleich sind, nicht in einem Schritt zu erreichen ist, aber viele kleine Schritte führen auch zum Ziel und wo ein Wille, da ist auch ein Weg.
Lucy Eldine Gonzalez Parsons, auch Lucia Gonzalez (1851 in Virginia – 7. März 1942) war eine US-amerikanische, führende Persönlichkeit der US-amerikanischen Arbeiterbewegung, radikale Sozialistin und Anarchokommunistin. Sie war als starke Rednerin bekannt. Parsons kam nach ihrer Heirat mit dem Zeitungsredakteur Albert Parsons zur radikalen Bewegung und zog mit ihm von Texas nach Chicago. Dort beteiligte sie sich an der Zeitung The Alarm, als dessen Redakteur Albert bekannt wurde. Nach der Hinrichtung ihres Gatten im Jahr 1887 in Verbindung mit dem Haymarket-Massaker blieb Parsons als Gründerin der Industrial Workers of the World und Mitglied anderer politischer Organisationen eine führende, radikale Aktivistin
https://de.wikipedia.org/wiki/Lucy_Parsons