Es fällt mir schwer, mich in den Vordergrund zu drängen und meine Meinung zu äußern. In meiner Jugend war es mir leichter gefallen, und viele Jahre lang habe ich in verschiedenen Kontexten eine führende Rolle übernommen. Dabei ging es mir immer mehr um die Sache selbst als um meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Ich habe mich stets als Teil eines größeren Ganzen gesehen und glaubte, dass die Verbesserung der Welt auch mein eigenes Leben verbessern würde. Ich war und bin ein Idealist.
Mein Leben hat mich viele Lektionen gelehrt, insbesondere dass es kein Licht ohne Schatten und keine einfachen Wahrheiten gibt. Außerdem habe ich gelernt, dass die Perspektive des Betrachters dasselbe Objekt unterschiedlich erscheinen lassen kann.
In den letzten Jahren habe ich die Fotografie als Ausdrucksmittel für mich entdeckt. Sie ermöglicht es mir, meine Sichtweise auf Menschen, Natur und Dinge zu teilen. Die einzigartige Eigenschaft der Fotografie liegt darin, dass jeder Betrachter das Gesehene auf seine eigene Weise interpretiert. Mein Ziel ist es, Bilder zu schaffen, die den Betrachter berühren und die Kraft haben, unsere Realität zum Positiven zu verändern.
Nachdem ich die ersten Schritte in der Fotografie gemacht und ein grundlegendes Verständnis für die Technik entwickelt habe, begann ich, meine Ideen visuell zu verwirklichen. Dieses Jahr habe ich die Trilogie „KONTROLLE, ILLUSION, AUTONOMIE – Drei Spiegel der Selbstinszenierung“ fotografiert. Da mir dieses Projekt so viel Freude bereitet hat, suchte ich bald nach einem neuen Thema.
Ich wollte mich weiterhin auf die Portraitfotografie konzentrieren und ließ mich von der aktuellen politischen Lage zu folgenden Leitideen inspirieren:
Viele Menschen glauben, von den Mächtigen und ihren Marionetten um ihre Gegenwart und Zukunft betrogen zu werden, fühlen sich aber hilflos. Daher wollte ich aufzeigen, dass es schon immer Menschen gegeben hat, die sich gegen das Establishment und die herrschenden Umstände aufgelehnt und mindestens dazu beigetragen haben, diese zu verbessern.
Die Geschichte wurde stets von Siegern und Mächtigen geschrieben, wie die Entwicklung in den Vereinigten Staaten, China und der russischen Föderation zeigt. Neben der vorherrschenden Interpretation gibt es jedoch viele weitere. Neben den offiziellen Helden, die den Reichtum weniger geschaffen, verteidigt und verbessert haben, gibt es auch jene, die den Reichtum aller im Sinn hatten. Diese Helden möchte ich in Erinnerung rufen.
Kurz gesagt, die Mächtigen versuchen, die Zukunft und die Geschichte umzuschreiben, indem sie uns isolieren und uns glauben machen wollen, dass es keine Alternativen zu ihren Zukunftsplänen gibt. In diesem Zusammenhang ist Musks Angriff auf die Wikipedia zu verstehen. Er versucht, diese Enzyklopädie des Wissens, die nach öffentlich einsehbaren Regeln von einer Gemeinschaft unabhängiger Redakteure zusammengestellt wird, durch seine nach seinen Vorgaben und denen seines Unternehmens zusammengestellte Alternative zu ersetzen.
Nachdem ich mich mit meiner Idee eine Weile auseinandergesetzt hatte, kam ich an den Punkt, an dem ich mich fragte, wie weit meine Vorgaben reichen sollten und wie detailliert ich mein Konzept ausarbeiten müsste. Bei meinen bisherigen Shootings habe ich festgestellt, dass sich zwischen Model und Fotograf oft eine eigene Dynamik entwickelt, die zu unerwarteten Ergebnissen führt.
Ich entschied, das Projekt so offen wie möglich zu gestalten und verfasste folgendes Briefing, das ich auf unterschiedlichen Kanälen veröffentlichte. Hier ein Auszug:
Ziel des Projekts ist es, die Idee des Anarchismus und seine prägenden Vertreter*innen zurück ins öffentliche Bewusstsein zu holen – und ihr Ansehen zu bewahren. Das Set besteht aus einem Tisch mit Stuhl, einem Porträt im goldenen Rahmen und einer schwarzen Fahne.
Das Projekt ist offen gedacht: Idealerweise bringst Du Dich mit Deiner Persönlichkeit ein – über Pose, Kleidung und eigene Requisiten (z. B. Bücher, Symbole, Textfragmente oder Gegenstände aus Deinem Alltag). Wir bauen eine sichtbare Brücke zur/zum Betrachter*in – von Dir zum Porträt: Dein Blick, Deine Geste oder ein Requisit verbindet Dich mit der Person im Rahmen und lädt das Publikum ein, dieser Linie zu folgen.
AIDA‑Prinzip: Aufmerksamkeit wecken, Interesse vertiefen, Begehren auslösen, zur Handlung führen. Gemeinsam – Du als Model mit Deiner Kreativität und ich als Fotograf durch Komposition und Licht – schaffen wir ein Bild, das den Blick fesselt, Neugier auf das Porträt und die Idee des Anarchismus weckt und idealerweise den Wunsch auslöst, selbst Teil des Projekts zu werden (z. B. mit einem eigenen Foto) und das Ergebnis zu teilen.
Bitte such Dir das Portrait eines bekannten Anarchisten von meiner Website aus: https://www.living-free.de/13-portraits-der-freiheit/. Ich lasse das Portrait auf Leinwand drucken und es wird Teil unseres Sets.
Schön wäre es, wenn Du vor dem Shooting folgenden Fragen schriftlich beantwortest:
Was ist Deine persönliche Motivation, an diesem Projekt mitzuwirken und welchen Bezug hast Du zum Anarchismus?
Warum hast Du Dich für genau diesen Anarchisten entschieden?
Was ist Dein persönlicher Wunsch für eine bessere Zukunft?
Die Resonanz hat mich überrascht, sowohl quantitativ als auch qualitativ. Die ersten Aufnahmen sind im Kasten und die nächsten Shootings sind für Januar und Februar geplant.