Peppa, die nebenberuflich als Model arbeitet, wollte sich von Voltairine de Cleyre porträtieren lassen.
„Voltairine ist für mich die richtige Wahl, da sie sich politischen Gruppierungen entzogen hat. Als Individualistin stellte sie das Einzelwesen in seiner eigenen Bestimmtheit über die Aufopferung für die Gruppe – im Gegensatz zu Menschen, die sich beispielsweise dem Kommunismus zuordnen.
Des Weiteren kann ich mich mit feministischen Denk- und Fühlweisen identifizieren. Ich bin die Tochter eines Anarchisten und entsprechend gesellschaftskritisch geprägt.
Mein Vater lehnt jegliche Formen der Politik ab. Er hat seine Kindheit im Osten verbracht, ist mit 16 geflüchtet – sein bester Freund hat es nicht durch die Schießanlagen geschafft – und ist dann im Kapitalismus aufgewacht. Er hat festgestellt, dass alles nur ein Strippenziehen von oben ist und dass auch auf dieser Seite keine Freiheit zu finden ist. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass der Staat – welcher auch immer – ganz sicher nicht zum Wohle der Menschen agiert. Demokratie existiert nicht wirklich. So wurde ich selbst zur Systemkritikerin und kann mich daher mit diesem Projekt ganz gut anfreunden.“

Voltairine de Cleyre setzte sich besonders für die Gleichstellung der Frau ein – nicht als „Nebenwiderspruch“, sondern als Härtetest jeder Freiheitsidee. Für sie begann Politik dort, wo sie am intimsten wird: im Körper, im Haushalt, in der Sprache der Moral, in den stillen Verträgen, die als „Natur“ ausgegeben werden.
Ehe: Vertrag, der Zugriff legitimiert.
De Cleyre misstraute nicht der Bindung zwischen zwei Menschen, sondern dem gesetzlichen Rahmen, der aus Bindung eine Verfügung macht. In der juristischen Ehe sah sie ein System, das weibliche Abhängigkeit organisiert: ökonomisch durch fehlende Alternativen, sozial durch Scham, Ausschluss und den „Ruf“ sowie körperlich durch Erwartungen, die wie Pflichten behandelt werden. Wo Liebe frei sein sollte, entsteht ein Anspruch; wo Nähe freiwillig sein müsste, wird sie zur Norm. So wird die Ehe nicht zum Schutzraum, sondern zur Institution, die Zugriff und Schweigen stabilisiert – besonders dann, wenn Armut, Kinder und gesellschaftliche Doppelmoral den Ausgang versperren.
Religion ist für de Cleyre die Schule des Gehorsams.
Für de Cleyre ist Religion weniger eine private Frömmigkeit als eine Kulturtechnik der Unterordnung. Die „Gott-Idee“ – verstanden als höchste Autorität – trainiert den Reflex, dass es über dem Einzelnen eine Instanz gibt, der man gehorchen soll, selbst gegen die eigene Erfahrung. Damit wird Unfreiheit nicht nur durch äußere Gewalt, sondern auch durch innere Gewohnheiten abgesichert: Schuldgefühle, Reinheitsfantasien und die Angst vor Abweichung. Religion liefert die Metaphysik, die den sozialen Apparat legitimiert: „So ist es richtig“, „So gehört es sich“, „So will es die Ordnung“.
Der Staat ist für sie organisierter Zwang mit moralischem Anstrich.
Im Staat sieht sie die verdichtete Form dieser Autoritätslogik: Regeln, die nicht überzeugen müssen, weil sie sich durchsetzen können. Der Staat ist nicht nur Verwaltung, sondern ein System, das Gehorsam produziert – durch Strafe, durch Eigentumsordnung, durch die Kontrolle von „Anstand“ und „Obszönität“, durch Polizei im Außen und Scham im Inneren. Und er bleibt, egal welche Flagge er trägt, ein Mechanismus, der sich selbst erhält. Freiheit wird versprochen, jedoch nur im Rahmen dessen, was die Ordnung nicht gefährdet. Wo der Staat herrscht, wird die Frage nach Gerechtigkeit schnell zur Frage nach Zuständigkeit.
Moral ist keine Liste von Verboten, sondern Selbstherrschaft.
Ihre Moral ist keine Liste von Verboten, sondern eine Ethik der Selbstbestimmung: Was nicht freiwillig geschieht, ist nicht gut – selbst dann nicht, wenn es gesetzlich oder gesellschaftlich akzeptiert wird. Sie trennt streng zwischen „Moral” als sozialer Disziplinierung (Prüderie, Doppelmoral, öffentliche Empörung) und Moral als innerer Integrität: Wahrhaftigkeit, Verantwortung für die eigenen Handlungen und Respekt vor der Freiheit anderer. In diesem Sinne ist Moral für sie nicht der Stock, sondern der Kompass: weniger Urteil, weniger Straflust, mehr Klarheit darüber, wann wir beginnen, über andere zu verfügen.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich Peppa und Voltairine im Porträt treffen. Nicht als Ikone und Model, sondern als zwei Blickachsen auf denselben Satz: dass Freiheit dort beginnt, wo niemand mehr das Recht für sich beansprucht, über deinen Körper, dein Denken und dein Leben zu verfügen.
Wenn die Kamera auslöst, hält sie nicht nur ein Gesicht fest, sondern einen Moment, in dem die Autorität kurz aus dem Bild fällt – und das Licht endlich dem Menschen gehört.