Harley-Davidson FXRS-SP (1986) – Sportlicher Ableger in der Custom-Ära

Harley-Davidson FXRS-SP (1986) – Sportlicher Ableger in der Custom-Ära

Wenn ich mir eine Motorrad-Sammlung ansehe, dann freue ich mich besonders über Bikes der Marke Harley-Davidson. Ich konnte mir den Traum einer eigenen Harley das erste Mal 1997 erfüllen und dieses Motorrad begleitet mich seither durch mein Leben: so viele Jahre, so viele Kilometer, so viele Länder und so viele Abendteuer.

Bei einem Besuch des PS.Speichers in Einbeck fiel mir diese FXRS sofort ins Auge. Sie stand da, als hätte sie ihre Besitzerin gerade zwischen die anderen Ausstellungsstücke geschoben. Im Gegensatz zu den meisten anderen Maschinen waren die vielen kleinen Accessoires, mit denen die Besitzerin das gute Stück individualisiert hatte, nicht entfernt worden.

Nun kann man unterschiedlicher Meinung darüber sein, ob aller möglicher Schnicksnack einem Motorrad zum Vorteil gereicht oder nicht. Geschmäcker sind bekanntlich unterschiedlich, und wäre da nicht ein kleines Detail gewesen, das meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte, dann hätte ich das Motorrad vielleicht als Beispiel weiblichen Dekorationszwanges abgetan.

Dieses Detail, welches all diese kleinen Anhängsel in einen neuen Kontext stellte, war der Kilometerstand von mehr als 160.000 Kilometern. Also stellte ich mir eine Frau vor, die sich 1986 – zu einer Zeit, auf der Frauen auf schweren Maschinen eher die Ausnahme waren – auf eine FXRS setzte und diese Maschine so lange fuhr, bis sie sich wegen altersbedingter Arthrose von dem geliebten Stück trennen musste.

Und ich dachte mir, diese Frau hat bestimmt viel erlebt: so viele Jahre, so viele Kilometer und so viele Abendteuer…

Einordnung und Hintergrund

Ende der 1960er-Jahre setzte Easy Rider den popkulturellen Startschuss für die weltweite Chopper-Renaissance. Was zuvor in Nischen der US-Szene pulsierte, schwappte in die Breite: Individualisierte Motorräder, hochgezogene Lenker, schlanke Vorderräder, breite Hinterreifen und ein betont lässiger Auftritt wurden zum Stilideal. Harley-Davidson erkannte den Trend früh und adressierte mit der Super Glide (1971) eine jüngere, urbanere Zielgruppe, ohne die eigene DNA zu verlieren. Während japanische Hersteller erst Ende der 1970er mit seriennahen „Soft-Choppern“ aufholten, blieb Harley in Stil- und Formensprache das industrielle Leitbild für Custom-Bikes. Die Modelle dieser Ära trugen Attribute wie schmale 21-Zoll-Vorderräder, breitere Hinterreifen, „Ape-Hanger“-Lenker, vorverlegte Rasten, Stufensitzbänke und aufwändiges Finish – ein Look, an dem sich bis heute viele orientieren.

In dieses Spannungsfeld aus Custom-Optik und Fahrdynamik fällt die FXRS-SP von 1986. Sie verband die markentypische Erscheinung mit einer sportlicheren Auslegung – ein Spagat, der sie innerhalb der FXR-Familie besonders interessant macht.

Technisches Profil

  • Typ: FXRS-SP
  • Motorbauart: 2-Zylinder-V-Motor, OHV
  • Hubraum: 1.337 cm³
  • Leistung: 49 PS
  • Baujahr/-zeitraum: 1986
  • Höchstgeschwindigkeit: ca. 150 km/h
  • Neupreis (1986): 25.550 DM

Charakter und Konzept

  • Sportlicher Rahmenansatz: Die FXR-Plattform war für ihre im Harley-Kosmos überdurchschnittliche Steifigkeit und Präzision bekannt. Die FXRS-SP knüpfte daran an und bot ein agileres Fahrgefühl als die betont lässigen Cruiser-Derivate.
  • Motor mit klassischem Puls: Der 1.337-cm³-OHV-V2 liefert ein sattes Drehmoment bei moderater Spitzenleistung. 49 PS mögen nach heutigen Maßstäben zurückhaltend wirken, doch die Charakteristik überzeugt mit frühem Schub, souveränem Durchzug und dem typischen Harley-Beat.
  • Custom-Erbe, fahraktiv interpretiert: Während die großen Stilcodes der Custom-Kultur den Look prägten, stellte die SP-Variante die Fahrbarkeit in den Vordergrund. Ergebnis: Eine Harley, die auf Landstraßen harmonischer einlenkt, stabil bleibt und dennoch authentisch auftritt.

Fahrerlebnis

  • Landstraßenkompetenz: Die Vmax von 150 km/h ist weniger Programm als Kontext. Der Sweet Spot liegt im elastischen Mitteldrehzahlbereich – dort wirkt die FXRS-SP entspannt, verbindlich und stabil.
  • Ergonomie: Im Vergleich zu „Ape-Hanger“-Choppern fällt die Sitzposition kontrollierter aus. Das schafft Vertrauen auf winkligen Strecken, ohne auf die cruisertypische Gelassenheit zu verzichten.
  • Akustik und Vibrationen: Markentypischer Sound und spürbare, aber kultivierte Vibes prägen den Charakter. Sie vermitteln Substanz, ohne auf langen Etappen lästig zu werden.

Markt- und Stilbedeutung

Die FXRS-SP steht exemplarisch dafür, wie Harley-Davidson die Custom-Ikonografie der 1970er und frühen 1980er-Jahre in ein seriennahes, fahraktives Paket übersetzte. Während Modelle wie die „Dyna Wide Glide“ die Custom-Attribute offen zur Schau trugen, positionierte sich die FXRS-SP als sportlicher Gegenentwurf im selben Kosmos. Damit zeigt sie, warum Harley nicht nur Stil prägt, sondern auch innerhalb der eigenen Designlinie sinnvolle Differenzierung bot.

Fazit

Die Harley-Davidson FXRS-SP von 1986 ist ein Kind der Chopper-Renaissance – aber mit eigenständigem, sportlicherem Fokus. 1.337 cm³, 49 PS und 150 km/h klingen nüchtern; auf der Straße überzeugt die Kombination aus kultiviertem V2, stabilem FXR-Fahrwerk und stilsicherem Auftritt. Als Bindeglied zwischen Custom-Ikone und Fahrdynamik besitzt die FXRS-SP einen besonderen Platz in der Modellhistorie – und zeigt, wie Harley den Markt nicht nur bediente, sondern prägte.

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