Im PS.Speicher in Einbeck steht eine Harley-Davidson FXRS-SP, Baujahr 1986. Der Tacho zeigt über 160.000 Kilometer. Die Besitzerin hat das Bike mit kleinen Dingen individualisiert – Anhänger, Details, die mancher vielleicht als überflüssig abtäte. Ich habe die Maschine fotografiert und dabei an eine Frau gedacht, die ich nie kennenlernen werde: Jemand, der sich 1986 – zu einer Zeit, als Frauen auf schweren Maschinen noch die Ausnahme waren – auf diese FXRS gesetzt und sie so lange gefahren hat, bis Arthritis sie zwang aufzuhören.
Das ist es, was ich suche. Nicht die Maschine. Die Geschichte, die in ihr steckt.
Ich fotografiere seit vielen Jahren – nicht als Außenstehender, der in eine Welt hineinsieht, sondern als jemand, der in ihr zuhause ist. Ich kenne die Clubs, die Codes, das Schweigen zwischen Menschen, die sich vertrauen – und was es kostet, wenn dieses Vertrauen auf die Probe gestellt wird. Als Rettungssanitäter habe ich gesehen, wie schnell eine Geschichte zu Ende geht. Ich habe Häuser besetzt und später ein eigenes Unternehmen geführt – gekämpft, aufgebaut, wieder losgelassen. Nie derselbe Beruf, aber immer derselbe Weg. Diese Erfahrungen stehen hinter jedem Bild, das ich mache.


Mein Sehen hat mehrere Herkunftsorte. Mein Großvater mütterlicherseits führte die Generalvertretung von Carl Zeiss Jena im Westdeutschland seiner Zeit – und fotografierte selbst mit Leidenschaft. Mein Vater ebenso: Ich erinnere mich an Diaabende in meiner Kindheit, wenn die Familie zusammensaß und Bilder an die Wand kamen. Gelernt habe ich trotzdem zuerst etwas anderes: Offsetdruck. Nicht wegen der Technik – sondern weil ich früh viel gelesen hatte und glaubte, dass das geschriebene Wort die Welt zum Besseren verändern kann. Ein Drucker bringt diese Worte in die Welt. Heute arbeite ich mit Bildern – für mich eine andere Form desselben Gedankens. Nach wie vor möchte ich zum Nachdenken anregen, etwas bewegen.
Freiheit lebt für mich zwischen Bezug und Autonomie. Sie ist ein Ideal, das permanent erstrebt, errungen, verteidigt und verhandelt werden muss. Freiheit beflügelt und ist anstrengend zugleich. Freiheit verbindet dich mit der Welt und lässt dich einsam zurück. Freiheit hat immer ihren Preis. Und weil man Freiheit nicht fotografieren kann, fotografiere ich Menschen, Symbole und Augenblicke, in denen ich Freiheit sehe. Freiheit, wie sie gelebt, erstritten, verteidigt und verloren wird.
Das Studio ist der Ort, an dem ich alles kontrolliere – Licht, Pose, Komposition. Hier wird eine Idee zum Bild, hier kann am Detail gearbeitet werden – allein und im Team mit Model und Intuition. Hier entstehen Serien wie Who is watching?, Kontrolle, Illusion & Autonomie und Portraits of Freedom. Mich interessiert die leise Form der Macht: Normen, Rollen, Erwartungen – Blicke, die wir so lange verinnerlicht haben, bis wir uns selbst bewachen. Kaum ein Feld zeigt das deutlicher als die Sexualität, und kaum eines wird länger benutzt, um Menschen zu lenken. Who is watching? stellt genau diese Frage. Das Studio ist meine Werkstatt.


Auf der Straße gebe ich die Kontrolle ab. Dort zählt für mich das Dokumentarische: im richtigen Augenblick die Situation erfassen – Menschen und Maschinen fotografieren, die Freiheit ausstrahlen. Ein Motorrad, das gestartet wird. Ein Gesicht in einer Menge, das für eine Sekunde aus der Rolle fällt. Vielleicht existiert Freiheit nur im Augenblick. Aber diese Augenblicke beweisen, dass es sie gibt. Solche Bilder sollen Mut machen. Blacktop Dreams habe ich erst nach 25 Jahren in der Motorrad- und US-Car-Szene begonnen. Keine Dokumentation – eine Hommage. An eine Welt, die langsam verschwindet, und an die Menschen, die ihr die Treue halten. Diese Szene öffnet sich niemandem leicht, auch mir nicht. Aber 25 Jahre verändern das Sehen: Wo andere eine Kulisse sehen, sehe ich Menschen und ihre Geschichten.
Und dann gibt es Orte, an denen niemand schaut. Ein leerer Bergpass. Eine Kiefer über dem Wolkenmeer. Eine Küste unter schweren Wolken, kurz bevor das Licht bricht. Dort gibt es nichts zu behaupten und niemanden zu überzeugen. Nur die Frage, ob man die eigene Stille aushält. Diese Bilder sind keine Pause von meiner Arbeit. Sie sind ihr dritter Ort.
Drei Orte, eine Frage. Die Antwort steht in keinem Bild. Aber jedes ist ein Schritt in ihre Richtung – zu einer Freiheit, die nicht glänzt, aber dich trägt.
Drei Sätze begleiten mich seit Jahren:
Ich brach auf in eine bessere Welt. Am Ziel angekommen stellte ich fest, dass ich mich wieder am Ausgangspunkt meiner Reise befand. Alles war gleich geblieben, nur ich hatte mich verändert.
Wenn du dich darin erkennst – dann weißt du, warum du hier bist.
Meine Arbeiten wurden ausgezeichnet mit dem Golden Shot Award 2026 (Silber, Kategorie Portrait), dem Chromatic Award 2025 (Honorable Mention, Conceptual) und dem Exposure One Award 2025 (Bronze), veröffentlicht in Magazinen wie The Style Researcher, ARTELLS, Bold and Beyond, ACTIVE FIT und Artego – und 2026 in der Gruppenausstellung 250 Years of Expression: Freedom, Dissent, and the American Voice (ArtSpace Gallery, Richmond, Virginia) gezeigt. Ich bin Trusted Art Seller der Art Storefronts Organization. Limitierte Editionen und Originale: stefanoviani.art · Das Buch in Vorbereitung – unverbindlich vormerken: news.stefanoviani.art/buch
Kontakt: hello@stefanoviani.art
